Aktuelles aus Schule und Kindergarten

Montag, 02.07.18

Ein Erdhügel als Ausgangspunkt für kindliche Forschung und Wissenschaft

Was bedeutet das operative Prinzip für den Alltag an der FAS?

Im Kindergarten des Bildungshauses der Freien Aktiven Schule Stuttgart erfreut sich zurzeit ein Erdhügel besonderer Beliebtheit. Dieser unscheinbare Haufen bietet den Kindern vielfältige Erforschungs-, Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten. An der FAS wird dem operativen Tun der Kinder möglichst viel Raum gegeben. Das Geschehen am Erdhügel zeigt, wie dieses Prinzip im Alltag funktioniert.

Das operative Prinzip basiert auf der Lerntheorie von Jean Piaget (Entwicklungspsychologe) und Hans Aebli (Psychologe und Schüler Piagets):

Kinder nehmen an geeigneten, konkreten Materialien reale Handlungen (= Operationen) vor. Dabei gewinnen sie durch Beobachtung der Wirkung ihres Handelns Erkenntnisse. Diese nun bekannten Wirkungen wenden die Kinder weiter an, um bestimmte Ziele zu erreichen. Wissenserwerb erfolgt nicht durch Betrachten oder Nachahmen, sondern wird durch das Kind in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt erworben. Piaget führt Denken auf menschliches Handeln zurück, Denken ist für ihn verinnerlichtes oder gedachtes Handeln.

Zurück zu unserem Haufen Erde.

Die Kinder hatten eine Vision, welche sie durch Teamwork in die Tat umsetzten: Diese Woche wurde mit gemeinsamer Kraft ein Wasserlauf in den Erdhügel gebuddelt. Nach Fertigstellung wurden mit viel Ausdauer an der Wassertonne Gefäße befüllt und auf den Erdhügel geschleppt. Die Freude war groß, als das Wasser sich den Flusslauf hinabstürzen durfte! Da sich das Wasser jedoch unten planlos im Gras verteilte, wurde gemeinsam überlegt, wie es aufgefangen werden kann ohne dabei Gräben durch die Wiese ziehen zu müssen.

Durch konstruktives miteinander Reden haben die Kinder eine Idee entwickelt, welche sie in die Tat umsetzen konnten. Mit einer Plastiktüte und vielen Steinen schafften sie es einen kleinen See zu bauen. Und ein See braucht Schiffe!

Das Gewässer war schnell mit Schiffen voll und schwappte über, Wasser lief durch Ritzen und Löcher. Was tun?

Zusammen wurde eine Lösung für das aufgetretene Problem gefunden: Alle Schiffe raus und Löcher stopfen! Als alles repariert war, konnte auch das Wasser wieder hinunterlaufen und spülte zum Erstaunen der Kinder eine richtig tiefe Rinne in den Erdhügel. Das Glück der Kinder war groß, als sie es schafften mit dem Wasser ein kleines Schiffchen von der Hügelspitze bis in den See fahren zu lassen.

Das operative Prinzip ist ein Wechselspiel zwischen Objekt, Handlung und der Wirkung auf das Objekt.

Was passiert mit dem Wasser, wenn wir es oben in den Wasserlauf leeren? Es läuft hinunter, verteilt sich unten im Gras und verschwindet. Die Kinder erproben in diesem Wenn-Dann-Gefüge erste Vermutungen (wir müssen das Wasser unten auffangen) und gewinnen dadurch Erkenntnisse (eine Barriere muss gebaut werden), diese werden durch weiteres Ausprobieren überprüft (die Barriere ist nicht dicht), überarbeitet (Steine in Kombination mit einer Plastiktüte sind die Lösung) oder verworfen. Die Welt der Kinder wird im Tun erfahren. Es steht nicht das Ergebnis im Vordergrund, sondern das sinnliche Erleben, das Entdecken und Ausprobieren.

Damit die Kinder frei, aktiv und eigenverantwortlich Lernen können, bedarf es einer vorbereiteten Umgebung, die sich in Gestalt und Materialangebot an den Interessen der Kinder orientiert. So werden zusätzlich zum Erdhügel den Kindern passende Materialien zur freien Verfügung gestellt: Schaufeln, Eimer, Steine, eine Plastiktüte, etc. Die Kinder können ihren eigenen Bedürfnissen nachgehen und so ihre Freude und Neugier am Spielen und Lernen voll entfalten.

Antje Fydrich und Julia Schäfauer